Wer heute queere Fahnen vor dem Rathaus sieht, blickt auf das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. Viele der entscheidenden Schritte begannen klein: in kirchlichen Arbeitskreisen, Jugendclubs, Hinterzimmern und selbstorganisierten Gruppen.
1988: RosaLinde entsteht
In der DDR waren queere Gruppen häufig im Schutzraum der Kirche organisiert. In Leipzig versuchten junge Studierende, darüber hinaus eine Arbeitsgemeinschaft zu gründen. Nach Widerständen der SED-Bezirksleitung wurde die Arbeitsgemeinschaft RosaLinde am 17. November 1988 offiziell möglich. Sie nutzte Räume des Jugendclubs „Phönix“ am Lindenauer Markt und organisierte monatliche Kulturveranstaltungen sowie Partys in der Moritzbastei.
Am 12. September 1990 wurde daraus der RosaLinde Leipzig e.V. In einer Stadt mit kaum alternativen Angeboten war der Verein Treffpunkt, Kulturort und Schutzraum zugleich.
1992: Hundert Menschen und ein klares Ziel
Am 28. Juni 1992 fand vor der Moritzbastei der erste Leipziger Christopher Street Day statt – zugleich der erste CSD in den neuen Bundesländern. Rund 100 Menschen kamen unter dem Motto „Lesben und Schwule in die Verfassung!“ zusammen.
Der CSD wurde in den folgenden Jahren regelmäßig veranstaltet. Ende der 1990er Jahre kam die Bewegung zeitweise zum Erliegen: Viele junge queere Menschen verließen die ehemalige DDR, die lokale Community schrumpfte und das Interesse nahm ab. Dass der CSD später zurückkehrte und wuchs, war keine Selbstverständlichkeit.
Geschichte braucht ein Gedächtnis
Ein Teil dieser Vergangenheit ist inzwischen auch museal dokumentiert. Das Stadtgeschichtliche Museum bewahrt beispielsweise eine Wandzeitung und Fotocollage des Arbeitskreises Homosexualität in der Evangelischen Studentengemeinde. Sie enthält Material aus den 1980er- und 1990er-Jahren – darunter Fotografien, Veranstaltungsprogramme, Stasi-Dokumente und Hinweise auf den Tuntenball von 1986.
2023 gründeten 23 Menschen den CSD Leipzig e.V.; unter ihnen waren auch Mitorganisator:innen des ersten CSD. Die Verbindung zwischen den Generationen ist damit nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret.
Kein abgeschlossener Rückblick
Queere Stadtgeschichte ist mehr als eine Reihe schöner Jahrestage. Sie erzählt von Repression, Wegzug und finanziellen Krisen – aber auch davon, wie Räume, Vereine und öffentliche Demonstrationen immer wieder neu aufgebaut wurden.
GayLeipzig.de möchte diese Geschichte künftig weiter sammeln: mit Archivfunden, Erinnerungen und Stimmen von Menschen, die dabei waren. Wer Fotos, alte Flyer oder persönliche Geschichten besitzt, kann sich unter hallo@gayleipzig.de melden.